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Erkrankungen der Speiseröhre

Die Speiseröhre (Ösophagus) dient, als Eintrittspforte in unsere Organsysteme, dem Nahrungstransport in den Magen. Der Transport des Nahrungsbrockens durch die Speiseröhre ist die letzte Phase des Schluckakts. Er erfolgt reflektorisch durch die Kontraktion der quergestreiften und glatten Muskulatur: gelangt Nahrung in den Rachen, reizt sie sensible Nervenfasern. Im Gehirn werden die sensiblen Fasern auf motorische Kerne des Nervus vagus umgeschaltet, der die Kontraktion der Ringmuskulatur bewirkt. Da die Innervation reflektorisch erfolgt, kontrahiert sich der Abschnitt, in dem sich der Nahrungsbrocken gerade befindet. Die Muskulatur direkt unterhalb erschlafft. Der Transportvorgang dauert etwa zehn Sekunden, wobei mehrere peristaltische Wellen zu beobachten sind: Die erste Welle (primäre Peristaltik) treibt den Speisebrocken (Bolus) die Speiseröhre hinab. Die nachfolgenden Wellen (sekundäre Peristaltik) werden durch zurückbleibende Speisereste ausgelöst. Hat die Nahrung den Magen erreicht, steigt der Druck der Sphinkteren auf das Doppelte des Ruhewertes. Dadurch kann der Mageninhalt nicht zurückgelangen (Anti-Reflux-Mechanismus).

Erkrankungen der Speiseröhre

Erkrankungen der Speiseröhre machen sich, abhängig von der Erkrankung, durch Schluckstörungen (Dysphagie), Schmerzen beim Schlucken (Odynophagie), Regurgitation, Mundgeruch, Sodbrennen und Schmerzen in der Brust bemerkbar. Das letzte Symptom tritt auch bei Herzerkrankungen auf, daher kann erst dann von „nichtkardialem Brustschmerz“ gesprochen werden, wenn eine Herzerkrankung (etwa ein Infarkt oder Durchblutungsstörung) ausgeschlossen ist.

Als Reflux wird der Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre bezeichnet, der sich als Sodbrennen bemerkbar macht. Tritt dies häufig auf und beeinträchtigt die Lebensqualität, spricht man von einer Gastroösophagealen Refluxkrankheit (englisch: gastroesophageal reflux disease, kurz GERD). Bei der GERD können zwei Formen unterschieden werden: Zeigt die Schleimhaut der Speiseröhre keine Veränderungen, handelt es sich um eine nicht-erosive Refluxkrankheit, kurz NERD. Hat sich die Schleimhaut entzündet und zeigt typische Veränderungen, ist von einer Refluxösophagitis die Rede. Ursache der Refluxkrankheit ist eine Verschluss-Insuffizienz des unteren Ösophagussphinkters. Neben dem Sodbrennen können bei fortgeschrittenen Refluxkrankheiten auch Schluckbeschwerden auftreten.  Eine Langzeitfolge der Refluxösophagitis ist der sogenannte Barrett-Ösophagus: Dabei wandelt sich das Plattenepithel als Anpassung an die ständige chemische Reizung in Zylinderepithel um, das der Magensäure besser widerstehen kann. Weitere Komplikationen sind Geschwüre und Verengungen (Stenosen) der Speiseröhre, chronische Heiserkeit durch Stimmbandreizung oder auch Asthma.

Die Entzündung der Speiseröhre wird fachsprachlich Ösophagitis genannt; sie kann durch chemische und thermische Reizung (Verbrennung), mechanische Irritation (steckengebliebener Fremdkörper) und Infektionen verursacht werden. Die häufigste Form ist die Refluxösophagitis durch die Reizung mit Magensäure. Ebenso kann sich die Speiseröhre nach Verätzungen mit Säuren oder Laugen entzünden, was bei Kindern als Unfall und bei Erwachsenen meistens in Selbsttötungsabsicht auftritt. Die Infektion mit einem Krankheitserreger spielt bei Gesunden eine untergeordnete Rolle, betroffen sind meistens Menschen mit einer eingeschränkten Immunabwehr, wie etwa Diabetiker oder HIV-Infizierte. Hauptsymptom sind schmerzhafte (Odynophagie) oder schmerzlose Schluckbeschwerden (Dysphagie) und retrosternale Schmerzen (hinter dem Brustbein). Ein noch recht junges Krankheitsbild ist die eosinophile Ösophagitis, die in der Regel Kinder und junge Erwachsene betrifft. Hierbei ist die gesamte Speiseröhre von der Infiltration Eosinophiler Granulozyten betroffen. Diese Entzündungszellen spielen bei Allergien eine Rolle, weshalb auch für die eosinophile Ösophagitis eine allergische Ursache angenommen wird.

Speiseröhrenkrebs ist mit einer Inzidenz von jährlich etwa 8 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner eine eher seltene Krebsform, wobei Männer häufiger als Frauen betroffen sind. Die Sterblichkeit ist hoch, da das Tumorwachstum weitgehend beschwerdefrei erfolgt und erst in fortgeschrittenen Stadien zu Schluckbeschwerden und Schmerzen führt. Die Therapie einer solchen weit fortgeschrittenen Krankheit ist weniger aussichtsreich. Anhand der Zelltypen wird das Adenokarzinom vom Plattenepithelkarzinom unterschieden. Das Adenokarzinom ist eine Langzeitfolge des Barrett-Ösophagus und der Refluxkrankheit und entsteht im unteren Drittel der Speiseröhre. In Deutschland ist etwa jede fünfte Neubildung an der Speiseröhre ein Adenokarzinom, die Zahl der Neuerkrankungen steigt aber. Das Plattenepithelkarzinom, das entsprechend bei 80 % der Speiseröhrenkarzinome in Deutschland gefunden wird, ist meist Folge von Alkoholkonsum und Rauchen. Es entsteht bevorzugt an den Engstellen der Speiseröhre.

Als Motilitätsstörung der Speiseröhre (wie bei Achalasie, diffuse Ösophagusspasmus und der hyperkontraktile Ösophagus (Nussknackerösophagus)) wird eine Störung der unwillkürlichen Bewegungen der Speiseröhre bezeichnet und führt zur Beeinträchtigung des Schluckaktes und Transport von Speise und Flüssigkeit in den Magen. Liegt die Ursache einer Motilitätsstörung nicht bei der Speiseröhre selbst, sondern ist Folge einer Grunderkrankung, spricht man von einer sekundären Motilitätsstörung. Eine solche Erkrankung kann eine Bindegewebskrankheit (Kollagenose) wie Sklerodermie sein, eine Amyloidose oder eine Polyneuropathie bei Diabetes mellitus. Bei Muskelerkrankungen wie Muskeldystrophien oder Erkrankungen des Zentralen Nervensystems ist vor allem die quergestreifte Muskulatur der oberen Speiseröhre von der Funktionsstörung betroffen.

Als Mallory-Weiss-Syndrom werden etwa vier Zentimeter lange Längsrisse der Schleimhaut bezeichnet, die bei Erbrechen und manchmal auch schwerem Heben entstehen können. Führt starkes Erbrechen zum Riss der gesamten Wand, ist vom Boerhaave-Syndrom die Rede.

Divertikel sind Ausstülpungen der Speiseröhre, das Zenker-Divertikel ist das häufigste Divertikel am Ösophagus, es macht etwa 70 % der Ösophagusdivertikel aus.

Untersuchungsmöglichkeiten

Ergeben sich aus den Symptomen Hinweise auf eine Erkrankung, kommen bildgebende Verfahren zur weiteren Diagnostik zum Einsatz. Mit dem Endoskop kann die Schleimhaut inspiziert werden, um Entzündungen, Gewebeumbildungen (wie den Barrett-Ösophagus), Ösophagusvarizen, Divertikel oder Einengungen zu entdecken. Die endoskopische Untersuchung der Speiseröhre findet meistens im Rahmen einer Magenspiegelung statt. Unter endoskopischer Kontrolle kann eine Ultraschallsonde in die Speiseröhre eingeführt werden. Dieses Endosonografie genannte Verfahren kann Gefäßmissbildungen und die Ausdehnung von Tumoren in der Ösophaguswand darstellen. Eine andere Möglichkeit der Tumordiagnostik ist die Computertomografie (kurz CT). Bei der Röntgendiagnostik kommt das Ösophagus-Breischluck-Verfahren zum Einsatz. Dabei schluckt der Patient ein Barium-haltiges Kontrastmittel, von dem während der Passage durch die Speiseröhre ein Röntgenbild erstellt wird. Auf diese Weise können Divertikel, Einengungen, die Längsausdehnung von Tumoren und der Ablauf des Schluckvorgangs (und damit auch Störungen und Reflux) sichtbar gemacht werden. Ein nicht bildgebendes Verfahren, das bei der Diagnostik der Motilitätsstörungen von Bedeutung ist, ist die Ösophagusmanometrie, also die Messung des Drucks, der in der Speiseröhre herrscht.